Eine Erfahrung der etwas anderen Art

The Three Peaks Bike Race 2020

Als ich mich letzten November für das Three Peaks Bike Race anmeldete, hatte ich keine Idee was mich erwartete, aber unfassbar aber wahr hatte ich die fixe Überzeugung dass ich es bis nach Nizza schaffen kann. Woher diese Überzeugung kommt oder kam ist mir immer noch selbst schleierhaft. 

Der Text enthält Vornamen von realen Personen, falls jemand das nicht möchte, bitte melden.

Eckdaten des TPBR:

  • Unsupported Bikepacking Race
  • 3 Checkpoints/Parcours: Grossglockner, Col du Sanetsch, Mount Ventoux; der Rest der Route musste selbst erstellt werden, ca. 2000 km, 30000 Hm
  • Start: 25. Juli 2020, 16 Uhr, Wien Schloss Schönbrunn
  • Ziel: Nizza
  • https://www.adventurebikeracing.com/threepeaksbikerace/

Das Tagebuch meines Leidens

 

Tag 1, 25. Juli: Schönbrunn – St. Pölten – Waidhofen – Admont

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Jana, die bei uns in Wien übernachtete und dem Bikecheck machten wir uns auf den Weg nach Schönbrunn, langsam aber doch kam Aufregung und Vorfreude auf.

Gleich vor dem Start musste schon improvisiert werden. Nachdem ich noch schnell neue Cleats gekauft hatte, brach beim Anschrauben ein Teil meiner Sohle entzwei. Danke Matze für das Klebeband welches meine Schuhe erst mal zusammenhielt.

Der Start selbst verlief problemlos – den Weg am Wienfluss kenne ich ja wie meine Westentasche. Die erste Nacht wollte ich ca 2 h schlafen was ich auch in Admont nach 204 km und 1800 hm um 2 Uhr morgens machte – auch davor war ich schon hundemüde. Ich entschuldige mich bei den Radlern die mich überholten während ich mit lauter Musik versuchte mich wach zu halten für die Lärmbelästigung. Geschlafen habe ich in Admont im Park eher wenig, eher geruht, immer noch war ich voll aufgeputscht, aber auch das liegen tat gut. Entschieden habe ich mich somit für die N/S Route über den Glockner.

Tag 2, 26. Juli: Liezen – Radstadt – Bruck – CP 1 Edelweissspitze – Heiligenblut – Winklern

Um 5 Uhr morgens gibt’s weiter Richtung Bruck an der Glocknerstrasse, durch Liezen und Radstadt, mein Papa, der in Radstadt wohnt, ist lieber auf den Berg wandern gegangen als mir zuzuwinken. Meine Stimmung in Bruck war ausgezeichnet, auch als die Steigung am Glockner langsam die durchschnittlich 12 % erreichte stieg ich noch motiviert in die Pedale. Irgendwann sprach mich ein anderer Radler an, wohin ich denn fahre: „Nach Nizza, wie du“. Danke Thomas dass du mich ein paar hundert Meter unterhalten hast, und auch schön dich im Ziel nochmal zu sehen. Umso steiler es wurde umso mehr machte sich auch mein Schlafmangel bemerkbar. Weiters forderte mich meine mangelnde technische Vorbereitung. Auf meinem Canyon Rad mit Standardausrüstung fehlten die leichten Gänge, schieben was die einzige Alternative. Die Müdigkeit bescherte mir schöne Halluzinationen, Freunde winkten mir vom Straßenrand zu, Bäume wurden plötzlich zu Häusern, Hütten zu Schlössern, und das alles ohne jegliche Zusatzstoffe. Dass der Körper bereits nach einer Nacht mit wenig Schlaf derartig reagiert hat mich überrascht.

Nach einigem Schieben schleppte ich mich doch ins Fuschertörl auf einen Kaffee und ein Cola (nie wieder werde ich soviel Cola trinken wie in den folgenden 8 Tagen). Das Wetter war mittlerweile wechselhaft, Wolken, leichter Regen,…. Ich musste ja noch rauf auf die Edelweissspitze zum CP1, das nasse Kopfsteinpflaster war ungeeignet für meine wackeligen Beine. Also rauf schieben und runter schieben. Als es mit dem Kopfsteinpflaster endlich vorbei war und ich wieder hoch motiviert in die Pedale treten wollte, passierte direkt am Fuschertörl das erste Maleur. Ich kam nicht mehr rechtzeitig aus meinen Pedalen raus und fiel um, direkt aufs Knie. Danke an die Autofahrer, die ausstiegen und mich hochhoben. In meiner Verwirrtheit spürte ich gar nichts, aber dieser Sturz sollte mich noch verfolgen. Runter war nicht soviel besser, es ging erst noch gar nicht runter, sondern bergauf/bergab Richtung Hochtor. Entgegen kamen mir andere TPBR Radler, die den Glocknerparcour von der anderen Seite machten, sie hatten wohl mehr Pech, da es auf der Südseite teilweise heftig regnete. Runter nach Heiligenblut gaben die Bremsen und auch meine Finger alles. Um 9 Uhr abends, endlich in Winklern angekommen regnete es stark, das Restaurant hatte keine Küche mehr und so machte ich es mir vorm Spar Supermarkt zwischen den Einkaufswagerln gemütlich mit meinen restlichen Müsliriegeln. Gute Nacht.

Tag 3, 27. Juli: Winklern – Sillian – Brixen – Bozen – Meran – Grenze zur Schweiz

 

Wenn man den Tag mit einem Pass beginnt, kommt man wenigstens gleich ins Schwitzen und vertreibt somit die Schläfrigkeit. Noch im dunklen ging es auf den Iselbergpass und weiter nach Sillian wo ich es mir beim Plaudern mit den Herren vom Nebentisch bei Kaffee und Topfengolatsche gemütlich machte. Stress fühlte ich gar keinen, ich kam mir nicht vor als wäre ich bei einem Rennen. Beim weiterradeln meldete sich auch mein Hintern, nach 2 Tagen hatte er ich noch nicht an das viele Sattelsitzen gewöhnt. Also hinsetzen, Hose runter, Creme reinschmieren. Die Autos haben vermutlich nicht wahrgenommen dass ich unten ohne dasaß (Dieses Schauspiel habe ich in der Folge noch öfters veranstaltet). Dass ich die Grenze nach Italien passiert hatte, bemerkte ich erst an den unterschiedlichen Strassenschildern. Wie sehr ich die EU allein schon wegen der offenen Grenzen schätze. Rein ins Dolomitengebiet, aber als mich später jemand fragte ob ich die 3 Zinnen gesehen hab, musste ich das verneinen. Ich war so damit beschäftigt den (LKW)-Verkehr auf der Straße zu ignorieren, was ich auch nicht so wirklich schaffte, dass ich wenig von der Landschaft mitbekam. Mein Knie tat mir schon den ganzen Morgen weh, erst nachmittags stellte ich die Verbindung zu meinem „Umfallen“ am Glockner her. Der Schlafmangel zeigte wohl weitere Konsequenzen – denken fiel mir sehr schwer. In Bozen bin ich dreckig wie ich war in eine Apotheke um mir eine Bandage für das kaputte Knie zu kaufen. Die erste passte nicht, und war nach meiner Anprobe auch nicht mehr verkaufbar, voll von Schweiss und Schmutz. Schnell die Passende bezahlt und peinlich berührt raus. Weiter nach Meran, eine Pizza war die perfekte Unterlage für die Abendetappe. Wie lange ich heute durchhalten wollte wusste ich noch nicht, der Etschradweg war abends ein Traum, flach und am Fluss entlang. Auch wenn das Knie immer noch schmerzte, die Bandage unterstützte mich mental.

 

Flach war dann doch wieder langweilig, so bog ich im Dunklen auf eine Gravelsection ab. Traumhaft durch den Wald, keine Menschenseele, als plötzlich jemand hinter mir mit einem „Christbaum-Rad“ auftauchte. (Durch die vorgeschriebenen reflektierenen Tapes und Rückstrahler leuchteten unsere Räder, was außer der Sichtbarkeit auch den Erkennungswert untereinander nachts stark steigerte). Es war Killian, der wie ich die Gravel section total toll fand und mit dem ich noch ein paar Kilometer richtig Schweizer Grenze radelte bis wir uns auf einer Wiese für die Nacht niederließen. Gute Nacht.

Tag 4, 28. Juli: Schweizer Grenze – Ofenpass – Albulapass – Disentis

4.30 Uhr, der Wecker läutet, das Knie schmerzt wie am Vortag, Bandage rauf und los. Über die Grenze, Zähne putzen am Brunnen. An einer Bushaltestelle mein mittlerweile bewährtes Ritual: Hose runter, Creme reinschmieren. Wie oft auch immer Busse in Dörfern in der Schweiz verkehren weiss ich nicht, aber natürlich kam einer als ich gerade unten ohne an der Busstation saß. Der Busfahrer sah in mir einen potentiellen Fahrgast und wartete bis ich einsteige. Irgendwann ist er dann doch weiter und ich auch. Jeder Tritt war besonders bergauf im Knie spürbar, darum musste ich zwischendurch auf die „Schieb das Rad“ Variante umsteigen. Irgendwann hat mich Killian eingeholt und der erste Pass des Tages war erledigt, der Ofenpass. Ein paar weitere Pässe sollten die nächsten Tage folgen. Der erste davon war der Albulapass zur Mittagszeit mit einer unfassbar schönen Aussicht und einer unfassbar langen Abfahrt. Mein Knie schmerzte weiter und der Umweg nach Chur ins Krankenhaus schien eine gute Idee. Schlimmer als mein Knie trafen mich jedoch die 3 Tunnel Richtung Bonaduz. Laut, viel Verkehr, eine Ventilation die mir den Staub direkt in meine Augen blies. Der 2. Tunnel traf mich besonders hart, es ging bergauf. Ich schob mein Rad laut schluchzend durch, die Tränen rannen mir unaufhaltsam über die Wangen.

Als dann noch Sturm, Gewitter und Platzregen aufkam, war das eine willkommene Pause. Bei einer Kirche stellte ich mich unter dem Carport unter. Nach einem kurzen Plausch mit der Klosterdame die fragte ob das Rennen denn für einen guten Zweck ist, was ich peinlich berührt verneinen musste, entschied ich mich gegen den Umweg ins Krankenhaus – schlimmer als der Heulkrampf im Tunnel konnte es nicht mehr kommen. Richtung Disentis, abends hielt ein Auto ca. 50 m vor mir und eine sehr nette Dame fragte mich ob ich denn alleine unterwegs sei, ob alles ok sei und dass sie extra etwas vor mit gehalten hat, weil es ja doch etwas unheimlich für mich sein könnte wenn ein Auto neben mir hält. Soviel Sorge rührte mich sehr in meinem Dilirium des Schlafmangels. Es regnete mittlerweile leicht und als ich ein Christbaum-Rad an einer Tankstelle sah, war die Motivation weiterzuradeln dahin. So traf ich Milan, der schon den perfekten Schlafplatz für die Nacht gefunden hatte.

Tag 5, 29. Juli: Oberalppass – Furkapass – Sion – Sanetsch

Nach einer recht angenehmen Nacht in der überdachten Tankstelle (so entkamen wir dem Regen) wartete der Oberalppass. Der kleine Bruch meines Schuhs vor dem Start wurde am Weg dorthin zu einem größeren (gut dass ich mich am Vortag im Baumarkt mit Klebeband eingedeckt habe). Wenigstens habe ich mit meiner Schuh-Klebeaktion am Pass Jochen und Jakub erheitert, die beide mit besserer Ausrüstung als ich unterwegs waren.

Runter nach Andermatt zum Frühstück und weiter Richtung Furkapass. Natürlich erreichte ich diesen erst zur Mittagszeit, damit es auch schön warm war. Heiss oder kalt, bergauf oder bergab, ich habe den Furkapass wirklich genossen, eine unfassbar schöne Bergkulisse. Am liebsten hätte ich mich dort hingelegt. Bergab sah man den Grimselpass (gut dass der nicht auf meiner Route lag) und zwischendurch immer vollbepackte Radfahrer, meinen größten Respekt an sie. Der nächste Pass sollte der Sanetsch sein, der CP 2. Zuerst musste ich jedoch nach Sion auf der Hauptstrasse und ich wage zu behaupten dass dieser Weg für mich der schlimmste nach der Tunnelerfahrung war – Gegenwind, unfassbar viel Verkehr und ja, der Schlafmangel machte sich auch irgendwie bemerkbar. Entscheidungen zu treffen fiel mir sehr schwer. Ich fühlte mich teilweise als hätte ich 3 Flaschen Wein getrunken. 1 Kilo Marillen, die ich mir am Strassenrand gekauft habe während der Fahrt zu essen, hat mich auch nicht wirklich vom Verkehr abgelenkt, Jakub überholte mich irgendwann, auch er wirkte etwas fertig. Endlich in Sion angekommen, abends ein bekanntes Gesicht. Jakub, der gerade vor einer Pizzeria eine Zigarette raucht. Mit ihm habe ich später an diesem Abend noch die Hälfte des Sanetsch bezwungen. Als er meinte „ When do we smash it?“ konnte ich nur antworten: „ You will smash it and I will sleep“ und so schlief ich auf halber Strecke auf den Sanetsch. Dass ich den Sanetsch nicht mehr in der Nacht gemacht habe werde ich am nächsten Tag bitter bereuen (wenn ich in meinem Zustand geistiger Umnachtung überhaupt noch etwas bereuen konnte). Ob ich es jedoch überhaupt noch geschafft hätte ist fraglich da ich schon beim Schieben des Rades bergauf getaumelt bin und mir immer wieder die Augen zugefallen sind.

Tag 6, 30. Juli: CP2 Col du Sanetsch – Forclazpass – Chamonix – Albertville

Morgens ging es die „letzten“ Höhenmeter auf den Sanetsch. Entgegen kamen mir einige die oben übernachtet haben unter anderem wieder Milan, Jochen und Jakub, kurze Unterhaltungen die mich „zwangen“ eine kleine Pause einzulegen, danke! CP 2 war somit erreicht, die Sonne kam hinter den Bergen hervor. Fast keine Menschen, nur ein paar verrückete TPBR Radler und eine Technoparty in einer Hütte, ein paar Beats in der Früh konnten mir auch nicht schaden. Wieder runter dieselbe Strecke (irgendwie sind mir Strecken die rauf und runter den selben weg nehmen ja zuwider, aber über die Nordseite über den Wanderweg  wollte ich auch nicht – „hike a bike“ musste nicht sein). Somit war ich fast schon am Ende meines Trips durch die Schweiz, nur noch der Forclaz Pass. Und wie es so ist mit dem 2. Pass des Tages wurde es Mittag und strahlender Sonnenschein und Hitze verfolgten mich. Als mich dann auch noch 2 Radler überholten die mir Techniktipps zum Radfahren gaben, war ich fast schon oben und ein grosses Cola (wie ekelig ich Cola eigentlich finde) wartete auf mich. Der Forclaz war wohl er schlimmste Pass für mich auf dem ganzen Trip. Dort begannen auch meine Probleme mit leeren Akkus und Powerbanks und ich traf zum ersten mal Lionel, auch ihn werde ich wieder treffen. Chamonix am Mt Blanc war mein erster Ort in Frankreich, ich habe den Mount Blanc zwar gesehen aber nicht registiert, auch Foto habe ich keins gemacht. Ich fühlte mich etwas ferngesteuert. Ob es nur die Angst vor dem Verkehr nach der Tunnelerfahrung war oder ob ich doch noch etwas denken konnte, irgendwie begriff ich dass meine geplante Route mich auf die Route Nacional, die Autobahn führte und da sollte und wollte ich nicht hin. Neue Route gesucht, länger aber ruhiger und als ich das Rad über eine schmale aber viel befahrene Strasse hoch schob rief mir ein Nachbar zu ob ich denn Wasser wollte. “Ja, immer”. Beim ablegen des Rades in deren Garten schmiss ich mir das Kettenblatt auf den Wrist meines Fusses, Schmerzen spürte ich schon länger nicht mehr und die nette Bewirtung mit kaltem Wasser inkl. Elektrolytpulver (was der nette Herr und seine Frau wegen des Alters immer nehmen, ich bräuchte das nur wegen dem heissen Wetter, so jung wie ich bin) war auch diese Verletzung wert. Richtung Albertville erwartete mich noch eine kleine Überraschung, Strassenbauarbeiten führten mich auf eine Umleitung, die selbstverständlich über einen Hügel ging. Ein kleiner Wutanfall, ich wild schreiend radelnd, war die Folge. Um den Tag abzurunden stürmte es vor Albertville abends noch wild, ein tolles kleines Wetterschauspiel. Der dazugehörige Regen wollte dann doch nicht kommen und so entschloss ich mich im dunklen noch schnell die 10 km bis Albertville zu fahren. Die Äste und Bäume hatte der Sturm bereits von den Bäumen auf die Fahrbahn geweht, daher sollten mich keine weiteren auf dem Kopf treffen war meine Logik. Ob diese Sinn machte, oder auch meiner Müdigkeit geschuldet war werd ich wohl nie erfahren. Kurz vor Albertville krachte ich in so einem am Radweg liegenden Baum, was mir den ersten und auch einzigen Patschen bescherte. Nach Albertville reinspaziert, der Regen kam nun doch, irgendwo beim Rathaus gabs ein überdachtes Fleckerl wo ich um 10 Uhr abends seelenruhig meinen Schlauch wechselte. Die Überlegung in ein Hotel zu gehen gab ich auf, irgendwie wollte ich weiter radeln. Woher diese endlose Motivation kam, ist mir bis heute unerklärlich. Weitere 10 Kilometer hab ich noch gemacht, bis mich die Müdigkeit an einer Bushaltestelle stoppen lies. Gute Nacht.

Tag 7, 31. Juli: Grenoble – Col de Croix Haute – Laragne-Monteglin – Gorges de la Méouge

Ich habe ganz vergessen mein Knie zu erwähnen – ja wundersamerweise hörten die Schmerzen von einem auf den anderen Tag auf. Meine Erklärung dafür ist, dass mein Knie einen eigenen Kopf hat. Es dachte sich wohl: “es ist egal ob ich schmerze oder nicht, die verrückte hört sowieso nicht auf zu radeln.” Leider tat mir nun der Wirst meines Fusses weh, auf den ich mir gestern das Kettenblatt geworfen habe, der Socken hatte auch ein paar Blutflecken. Ich habe dann die Socken getauscht, so hatten bald beide Socken einen Blutfleck. Die Logik?

Vorbei an Grenoble wo ich in einem Cafe 2 doppelte Espresso mit Zucker frühstückte (wie sehr ich Kaffee mit Zucker auch im „normalen“ Leben vermeide) und später noch ein Cola. Am Weg gabs noch einen weiteren Col, den Col de Croix Haute, nie mehr werde das französische Wort für Pass vergessen. Am Weg sah ich meine Erlösung von der Hitzewelle die in diesen Tagen über Südfrankreich ihr Unwesen trieb: ein Restaurant mit Swimmingpool. Das Pool löste auch mein 2. Problem: Ich hatte seit Beginn des TPBR nicht geduscht.

Der nächste Checkpoint, der Mont Ventoux kam immer näher. Wie weit in die Nacht rein ich noch fahren wollte, habe ich wie immer spontan entschieden. Meine Akkus für Handy, Wahoo usw. waren ziemlich erschöpft, irgendwie navigierte ich mich trotzdem vorbei an Laragne-Monteglin wo ich noch schnell in die Boulangerie hüpfte (wie sehr ich die Bäckereien zu lieben gelernt habe, ich hätte die Croissants und Pain au chocolates zählen sollen) zum wunderschönen Gorge de Meouge. Hier kam mir ein TPBR Radler entgegen, leider hatte er sich verletzt und war am Rückweg nach Sisterone. Einige Kilometer hab ich noch gemacht, bergauf, bergab. Bei Vollmond konnte ich auf der kaum befahrenen Strasse mein Vorderlicht ausschalten und im Mondlicht radeln. Traumhaft. Einen der Picknickplätze am Hügel habe ich dann auch zu meinem Nachtplatz auserkoren.

 

Tag 8, 1. August: CP3 Mont Ventoux – Malaucene – Buis-le-Baronniese – Sisterone – Le Columbier

In der Morgendämmerung startete ich Richtung Mont Ventoux. Kurz nach Sault die erste freudige Überraschung des Tages. Milan und Jochen kamen hinter mir angeradelt und damit Morgenunterhaltung nicht nur mit mir selbst. Kurz darauf sahen wir einen weiteren „verlorenen“ TPBR unter einer Art Carport schlafen. Mit einem lauten „ Guten Morgen“ wurde er geweckt – Gratulation Gerold, so schnell habe ich noch niemand wieder auf einem Fahrrad sitzen sehen, bald überholte er uns auch.

Um 7.33 checkten wir am Chalet Reynard in den Parcour ein und nach einer gemütlichen einstündigen Pause gibt’s die restlichen Höhenmeter überraschend einfach auf den Mont Ventoux, nichts konnte mehr so schlimm werden wie der Grossglockner. Am Gipfel wurden wiedermal meine geklebten Schuhe bewundert – ja sie hielten immer noch. Traumhafte Abfahrt nach Malaucene, Picknick vorm Supermarkt. Der Tag hielt was das Wetter versprochen hat, es wurde heiß, die Abkühlung an einem Fluss tat zwar gut aber war wohl zuwenig. Als ich in Buis-le-Baronniese in ein Restaurant ging um meine Powerbank zu laden, schaute mich die Inhaberin an als wäre ich vom Mars. Selbstüberzeugt oder verwirrt wie ich war, stellte ich erst ihre geistige Gesundheit in Frage bevor ich dran dachte wie es mich steht. Mit einem „just look into the mirror“ wurde ich an einen Platz gesetzt, ein Cola vor mich gestellt und ein Glas Wasser welches sie mit 2 Zuckerpackerl versüßte und den Worten „nobody cycles at this heat and time in France“ mir befahl zu trinken. Willenlos wie ich mittlerweile war, tat ich wie mir befohlen. Ein kleiner Berg noch nachmittags und abends durch Sisterone, Wasser aufgefüllt und weiter zu den letzten Anstiegen. Davor aber eine Nachtrast. Hinter der Kirche in Le Colombier fand ich Platz. Die Hose wurde in dieser Nacht zum ersten mal nicht ausgezogen.

Tag 9, 2. August: Montagne de Lure

Der Montagne de Lure wartete, morgens, halbwegs fit nach 6 Stunden Schlaf konnte ich den Anstieg (ca. 20 km) aber wirklich genießen, kühl wars auch noch. Die Aussicht oben war wiedermal traumhaft. Weiter gings bergauf, bergab durch kleine Bergdörfer mit wunderbaren Boulangerien. Plötzlich hörte ich „Daniela“, da sah ich Gerold in einer Bar sitzen der mich auf einen Kaffee einlud. Durch die Verdon Schluchten wurde es heiß, heiß, heiß. Den Brunnen in Palud-sur-Verdon nutzte ich als Badewanne. Von hier startete auch der Loop der zusätzlich noch zu fahren war – Loops sind ja nicht so meins – lieber fahr ich doch von A nach B. Wie sehr ich Michael anfangs dafür verfluchte, es war eine wunderbar schöne Landschaft. Und nach der tollen Anekdote von Thorsten (Ich glaub es war Thorsten und das Gespräch hat wirklich stattgefunden – könnte auch meiner Fantasie entsprungen sein) wie toll es denn war, nach Kuchen und Cola auch eine brauchbare Toilette in dem Restaurant vorzufinden, weil alles was man so isst muss ja auch wieder raus, gings mit Lionel auf den Loop. Abends stellte sich die Frage „noch nach Nizza oder doch erst morgen?“. Die Sichtung eines Wildschweins (?) im Wald brachte mich noch einige Kilometer weiter, da wollt ich dann doch nicht schlafen. Aber ca. 80 km vor Nizza um 11 Uhr abends war dann Schluss für den Tag. Gute letzte Nacht. 

Tag 10, 3. August: Nizza Finish Line

Den Wecker habe ich für den letzten Tag nicht gestellt, um 6 Uhr wachte ich trotzdem auf. Das letzte mal Unterlage und Schlafsack einpacken, Isomatte hatte ich schon vor ein paar Tage aufgegeben, zu anstrengend. Die letzten Kilometer nach Nizza gingen fast nur bergab, am morgen war alles ruhig. Als ich die Schluchten die hier links und rechts von der Fahrbahn runtergingen war ich doch froh es nicht schlaftaumelnd in der Nacht zuvor gefahren zu sein. Um 10.18 fuhr ich ins Ziel in Nizza ein, wo Michael mich mit den Worten „ du bist die erste Frau die hier komplett verdreckt ankommt“ begrüßte, zugegebenweise, Unrecht hatte er nicht. Ich muss mich mal bei den anderen Mädls erkundigen wie sie das machen. Einen Sprung ins Meer später war schon etwas weniger Dreck an mir. Somit brauchte ich 8 Tage 18 Stunden und 6 Minuten. Was für eine Erfahrung. Es war unfassbar wertvoll für mich zu sehen zu was mein Körper alles fähig ist. Ich habe Emotionen und Zustände erlebt die ich für unmöglich gehalten habe. Ich habe Leute getroffen die genau wie ich doch einen gewissen „Vogel“ haben. Es war einfach nur geil, verdammt hart aber geil. Danke an alle die ich kennenlernen durfte, mit denen ich einen Teil des Weges geteilt habe und auch die die an mich gedacht haben. Danke auch an Michael für die Organisation und besonders das tolle Foto von mir mit dem Chipspackerl. I love it.

Wird vermutlich nicht das letzte mal gewesen sein.

Es gibt immer Dinge die einem nicht gefallen haben: Gerne hätte ich mehr Zeit gehabt um mir die Landschaften und auch Dörfer genauer anzusehen, nicht nur einmal bin ich wo kurz stehengeblieben und dachte mir ” Hier bleibe ich”. Auch bei den Nachtfahrten habe ich vermisst die Strecke wirklich zu sehen. Als ich vor ein paar Tagen ein Foto des Felses bei Sisterone gesehen habe, wurde mir klar dass mir der um 11 Uhr abends natürlich entgangen ist. Aber ja ein anderes mal.

 

Fotos teilweise made by @adventurebikeracing

This Post Has One Comment

  1. Hallo Daniela,
    vor 2 Jahren habe ich damit angefangen, längere Strecken und häufiger zu fahren. Ein Unfall zwang mich in eine Arbeits- und Sportpause, in der ich erstmals von der ersten Ausgabe des TPBR las – das fixte mich sofort an. Ich liebe es Berge zu befahren … Dieser Bericht jetzt, der alle Freuden, Nöte, Träume und Schwierigkeiten auseinandersetzte, lässt mich entschlossen, ratlos, unentschlossen zurück. Kann ein dann 57jähriger alter Dickschädel das 2021 machen? Vielen lieben Dank für diesen tollen Bericht!
    Liebe Grüße aus dem Breisgau (D-BaWü)

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